Anstelle eines Eintrages im Gästebuch

Wie kommt es, das mich ein Schicksal bewegt und nicht los lässt, obwohl ich den Menschen, um den es geht, nicht wirklich gekannt habe? Um es aufzuklären: Sebastian wird gar nicht gewusst haben, dass es mich gibt. Ich bin einer von Hunderten, die in dem Fitness-Studio trainieren, in dem er arbeitete. Er und ich - wir haben nie persönliches ausgetauscht.

Unter den dort tätigen Trainern blieb er mir jedoch in positiver Erinnerung. In all der Zeit, in der er dort arbeitete und ich dort Sport trieb, hat er mir zwei oder dreimal gezeigt, wie man die Geräte bedient. Er war höflich und nett; gar nicht mal besonders nett, aber er blieb mir in Erinnerung. ich empfand, dass er seine Arbeit ernsthaft und mit Spaß betrieb.

Irgendwann bekam ich mit, dass er von den anderen "Basti" gerufen wird. Natürlich hatte ich keine Ahnung, dass er todkrank sein könnte. Ganz im Gegenteil: Er wirkte auf mich wie ein Junge, mit dem es das Schicksal besonders gut zu meinen schien: Er sah gut aus, die Mädchen umschwärmten ihn, er fuhr einen schicken Flitzer. Es schien alles so perfekt auszusehen, so glatt. Ich war wohl ein bisschen neidisch auf ihn; vielleicht blieb er mir deswegen in Erinnerung. Wie konnte ich ahnen, wie unrecht ich ihm tat? Wie wenig ich ihn zu beneiden hatte?

Jedenfalls fiel mir auf, als er nach geraumer Zeit nicht mehr zu sehen war. Ich dachte mir: Er hat sicher sein Studium oder seine Ausbildung abgeschlossen und jetzt arbeitet er in einem aussichtsreichen Job. Dann sah ich ihn zwei drei Mal wieder und schließlich gar nicht mehr.

Lange fiel mir sein Wegbleiben nicht auf. Wie gesagt: Er war für mich einfach eine jener Personen, die eben immer da sind, wenn ich zum Training erschien und mir dabei einen sympathischen Eindruck hinterließen.

Vor zwei, drei Wochen kam mir Sebastian dann wieder in den Sinn. Ich sinnierte mehr so allgemein während des Trainings vor mich hin: Wer hier schon alles arbeitete und wer kam und wieder ging. Dabei überlegte ich, was all die "Gegangenen", an die ich mich erinnern konnte, wohl jetzt machen würden. Welche Karrieren und Lebenswege sie wohl eingeschlagen hätten und warum sie nicht mehr im Studio zu sehen wären.

Für Ihren Sebastian mutmaßte ich eine glänzende Karriere in der Wirtschaft....

Am Sonntag Morgen, 17. Februar 2002, blätterte ich beim Frühstück die Zeitung durch.Mir stockte fast der Atem, als ich das Bild Ihres Sohnes sah. Eingebettet in eine Anzeige, die zur Andacht an seinem ersten Todestag aufrief.

Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich erst kürzlich eine Lebensweg-Prognose über einen mir völlig fremden Menschen abgegeben hatte. Und ich erschrak, wie fatal falsch sie doch war.Mich ließ dieses Bild nicht los; ich dachte zuerst an einen Unfall. Am Abend suchte ich im Internet nach seinem Namen und fand diese so liebevoll zusammen gestellte Seite.Mir wurde klar, wie oberflächlich wir über Menschen urteilen. Wie oberflächlich und spaßig ich damit umging. Mir wurde auch klar, was für ein tiefer Schlag der Verlust eines Kindes sein muss.Diese Website ist eine großartige Idee. Sie hilft den Menschen, die Ihren Sohn geliebt und gekannt haben, über ihre Trauer hinweg. Und sie hält ihn präsent. Aber sie leistet noch viel mehr: Sie berichtet über das Schicksal eines Menschen. Eines Menschen, der von einem Tag auf den anderen einen schweren Kampf zu kämpfen hatte. Von Eltern, die trotz dieses unsagbaren Verlustes die Kraft und den Mut haben, darüber zu berichten.

 

DANKE dass sie es tun, Familie Tschacher. Ihr Sohn lebt weiter. Auf dieser Website und - das ist mein Eindruck nach der Lektüre dieser Seiten - in vielen Herzen.

Seien Sie stolz auf Ihren Kämpfer.

Luiz Garcia Marquez