PROFESSOR DR. MED. WALTER M. GALLMEIER

                                                                                                                                                        D‑90419 NÜRNBERG

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KLINIKUM DER STADT NÜRNBERG                                                                                                                                                 E‑MAIL: gallmeier@klinikum‑nuemberg.de

 

Herrn u. Frau                                                                                                                 08.05.2001

Tschacher

Tucherstr. 14 b

90562 Heroldsberg

 

Sehr geehrte Frau Tschacher,

sehr geehrter Herr Tschacher,

 

das Organisationsversehen meines Büros (Fehladressierung) habe ich sicherlich zu vertreten und übernehme auch hierfür die Verantwortung und entschuldige mich in aller Form. Es ist aber nicht der Anlaß für diesen Brief, den ich schon lange schreiben wollte, weil die Erkrankung Ihres Sohnes, unser gemeinsames Ringen um sein weiteres Leben und der schwere Weg den er bei uns zu gehen hatte uns allen, ganz besonders aber auch mir immer noch vor Augen ist. Ich habe Söhne im gleichen Alter und habe diesen Brief innerlich schon lange mit mir herumgetragen. Sie wissen vielleicht nicht, daß ich von Ihrem Sohn von Anfang an außerordentlich beeindruckt war und seine Zeit hier mit besonderer Sorge begleitet habe. Es ist ja bei uns Ärzten manchmal so, daß wir uns manchen Patienten besonders nahe fühlen. In langen Gesprächen, die nicht nur mit der Krankheit zu tun hatten, habe ich Ihren Sohn ein wenig kennengelernt. Ich war beeindruckt von der Klarheit seines Denkens, seiner Zielstrebigkeit und der Konsequenz mit der er die Basis für seine Lebensplanung gelegt hat. Er hat mir viel erzählt von seiner Bundeswehrausbildung und den großen Herausforderungen denen er sich bewußt unterzogen hat und die er so erfolgreich gemeistert hat. Dabei war ihm immer auch die Problematik bewußt, in Grenzsituationen zu gehen und die eigene Autonomie und Charakterstärke zu erproben. Ich kann nur bewundern, mit weicher Haltung er all dies für sich selbst nutzen konnte. Dabei war berechtigter Stolz über das Erreichte gepaart mit Bescheidenheit und Nachdenklichkeit. Aber er wollte nicht stehenbleiben, sondern schickte sich gerade an, von hier aus sein Leben weiter zu planen. Seine Krankheit hat dann all dies verändert ‑ für ihn war sie eine weitere große Herausforderung, der er sich bewußt stellte. Die Grundlage hier für hatte er ja selbst gelegt: Mut, Geduld, Einsicht und Verständnis für die Menschen, die um ihn waren. Ich kenne wenige junge Menschen, die in diesem Alter persönliche Stärke und persönliche Reife in solcher Vollendung erreicht haben. Er war über alle Risiken aufgeklärt und hat sie als weitereAufgabe für sein Weiterleben aufgefaßt. Daß die uns bekannten und immer wieder auch in unterschiedlicher Weise auftretenden Nebenwirkungen bei ihm so ausgeprägt eingetreten sind, hat er nur als Teil dieses Kampfes aufgefaßt. Klaglos und tapfer hat er alles hingenommen, was ihm aufgegeben wurde. Bis fast am Schluß hat ihn sein starker Überlebenswille geleitet und als dann nach menschlichem Ermessen wirklich kein Rückweg ins Leben gangbar war, hat er auf eine Weise Abschied genommen von uns und allen anderen, die uns tief ergriffen und betroffen gemacht hat, auch mich. An dem Beispiel Ihres Sohnes haben wir gesehen, wie auch junge Menschen Stärke und Reife für die Bewältigung einer Krankheit mitbringen können und wie bewußt und klaglos sie einen Weg gehen, den zu bestimmen letztlich nicht in unserer Hand liegt. Ich weiß, daß alle Mitarbeiter der Klinik, die ihn kennengelernt haben, von seinem Tod betroffen waren und noch heute trauern. Auch ich denke, gerade wenn ich nicht in der Klinik bin, wie jetzt einige Tage, immer wieder an seine Zeit bei uns und die Gespräche mit ihm mit Schmerzen und auch mit einer gewissen Dankbarkeit, auch wenn es uns, trotz Einsatz aller modernen Möglichkeiten nicht gegeben war, ihm letztlich zu helfen. So kann ich auch den großen Verlust ermessen, den das Schicksal Ihres Sohnes für Sie beide, aber auch für die ganze Familie und alle seine Freunde bedeutet und kann nur hoffen, daß es Ihnen irgendwann gelingt, sich an ihren Sohn zu erinnern, ohne daß der Schmerz der Trauer jeden Gedanken daran zunichte macht, was er auch Gutes in Ihr Leben gebracht hat. Sehr geehrte Frau Tschacher, sehr geehrter Herr Tschacher, seit über 20 Jahren bieten wir Menschen, deren Angehörige bei uns verstorben sind, Nachgespräche an. Von Angehörigen wissen wir, daß dies für viele eine Hilfe in ihrer Trauer bedeutet hat. Bitte entscheiden Sie, ob, zu welchem Zeitpunkt und mit wem Sie ein Gespräch wünschen. Wenn es für Sie wichtig ist, stehe auch ich hierfür zur Verfügung.

 

Ich wünsche Ihnen Kraft in dieser schweren Zeit.

 

Mit freundlichen Grüßen