Krankheitsprotokoll Ausschnitt der Facharbeit

Zeitpunkt etwa der 8. Januar 2001 - sechs Wochen vor seinem Tod

Interview mit Sebastian

 

Simone Liebers (SL): Wie hast du erfahren, dass du an Leukämie erkrankt bist?

 

Sebastian: Da ich zu diesem Zeitpunkt als Zeitsoldat beschäftigt war, erhielt ich nach einer routinemäßigen Untersuchung die Nachricht, dass Verdacht auf Leukämie besteht. Die entgültige Bestätigung, an chronisch myeloischer Leukämie erkrankt zu sein, erhielt ich im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz.

 

SL: Wie war deine erste Reaktion auf diese Nachricht?

 

Sebastian: Ich war geschockt, da ich mich ja auch keineswegs krank fühlte. Im ersten Moment dachte ich mir, dass ich die Arbeit als Soldat, die meine Leidenschaft war, nicht mehr ausführen kann. Es tauchen dann wahnsinnig viele Fragen auf. Aber letztendlich realisiert man es nicht wirklich. Ich habe es einfach nicht geglaubt.

 

SL: Zu welchem Zeitpunkt hast du es realisiert?

 

Sebastian: Bei mir war im ersten Krankheitsjahr so ein bewusst werden zu spüren. Ich habe gemerkt, dass sich viele Dinge für mich ändern und wie ich damit umgehen muss. Es hat bei mir dieses eine Jahr gedauert, bis ich verarbeitet hatte, dass ich eine Krankheit in mir habe, die ich zwar im Moment noch nicht spürte, aber mit der ich leben muss.

 

SL: Was geschah mit dir unmittelbar nach der Diagnose im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz?

 

Sebastian: Ja, dass ich den Job als Soldat nicht länger ausüben konnte, war mir klar. Also kam ich zurück nach Nürnberg zu meiner Familie und Freunden. Das Ärzteteam in Koblenz entschied, dass in der Nähe meines Wohnortes Ihrer Meinung nach die beste ärztliche Betreuung im Nordklinikum Nürnberg bei Herrn Professor Doktor Gallmeier möglich sei. Dort wurde ich dann der Oberärztin Frau Doktor Schäfer-Eckart zugeteilt.

 

SL: Wurde sofort eine intensive Behandlung begonnen?

 

Sebastian: Nein. Ich wurde bereits in Koblenz mit dem Medikament Litalir behandelt, das die Leukozytenzahl senken sollte. Und in Nürnberg wurde auch erst mit Litalir behandelt. Erst ein Jahr später, nachdem die Suche nach einem passenden Knochenmarkspender im Familienkreis erfolglos abgeschlossen wurde, wurde eine Behandlung mit Interferon begonnen...

SL: ... und einige Zeit später wurde ein komplementärer Fremdspender gesucht und gefunden, da das Interferon bei dir nicht anschlug. Hast du dich in der Zeit der Behandlung krank gefühlt und gedacht, dass du das brauchst?

 

Sebastian: Ich wusste, dass ich die Krankheit habe, aber ich habe auch während der Behandlung nicht gespürt, dass ich krank bin. Weißt du, es entstanden für mich während der ganzen Zeit bis zur Transplantation im Prinzip keine körperlichen Nachteile. Ich konnte mit Freunden feiern gehen und ganz einfach leben. Ich habe ein Betriebswirtschaftsstudium begonnen und habe viel Sport getrieben. Denn trotz der ärztlichen Behandlung fragte ich mich immer wieder, ob ich wirklich Leukämie habe oder ob sich jemand geirrt haben könnte. Vor allem zu dem Zeitpunkt, als bei mir mit der Konditionierung zur Transplantation begonnen wurde und ich in Erlangen bestrahlt werden sollte, dachte ich mir, hoffentlich werde ich nicht umsonst bestrahlt, vielleicht bin ich ja doch gesund.

 

SL: Was für ein Gefühl war es, zu erfahren, dass man für dich einen passenden Spender gefunden hat?

 

Sebastian: Mir wurde klar, dass es jetzt ernst wird und ich hatte auch wahnsinnige Spannung in mir. Natürlich ist auch die Freude groß zu wissen, dass es einen Menschen gibt, der spendet und mir eine zweite Chance gibt.

 

SL: Was für eine Rolle haben Freunde und Familie für dich in deinem Krankheitsverlauf gespielt?

 

Sebastian: Meine Eltern waren immer für mich da. Zuvor und auch jetzt. Bei Freunden muss ich sagen, dass ich Glück hatte. .Bis auf zwei oder drei Leute, die sich auf Grund meiner Krankheit von mir abgewendet haben, waren die meisten Freunde auch immer für mich da, vor der Transplantation und vor allem jetzt, nachdem ich transplantiert wurde. Das hat mich wahnsinnig überrascht und gefreut, dass wirklich fast alle mich unterstützt haben und es auch weiter tun. Das Problem ist, dass man bei einer Krankheit trotzdem alles alleine durchstehen muss. Ich weiß zwar, dass alle für mich da sind, mir gut zureden, wenn es mir schlecht geht, aber ich muss das alleine bewältigen. Es kann mir niemand helfen, aber ich habe trotzdem Unterstützung und das ist auch sehr wichtig.

 

SL: Du bist schon immer ein aktiver Mensch gewesen. Wie gehst du damit um, dass du im Moment nicht in der Lage bist, an dem "normalen" Leben teilzunehmen?

 

Sebastian: Das ist ganz unterschiedlich. Ich bin oft im Zwiespalt. Es gibt Tage, an denen ich darauf dränge, alles zu wissen, was in meinem Freundeskreis passiert und an anderen Tagen bin ich genervt, dass ich das nicht selbst miterleben kann.

 

SL: Wie war für dich die Erfahrung in dem laminar air flow room? Hat du dich alleine gefühlt?

 

Sebastian: Erst mal dachte ich über ganz andere Dinge nach als über die Isolierung. Darüber, ob es Komplikationen geben wird und ob man dem Ganzen standhält. Erst als es mir besser ging und ich über alles wieder einigermaßen klar nachdenken konnte, fühlte ich mich manchmal tatsächlich isoliert. Aber im Prinzip sah ich das eher als einen Abschnitt. Also, dass ich die ganze Sache schnell durchstehen wollte und dann wieder alles machen zu können wie zuvor. Die Zeit im sogenannten Schleusenzimmer war nicht sehr angenehm. Ich hatte Nebenwirkungen von der Chemotherapie und der Transplantation selbst und habe gehofft, dass ich das alles mit schmerzstillenden Medikamenten und viel Schlaf schnell überstehe.

 

SL: Du bist hier auf einer Station speziell für Knochenmarktransplantationen und kommst mit Ärzten und Helfern zusammen, die viel Erfahrung haben. Fühlst du dich sicher?

 

Sebastian: Auf jeden Fall. Ich wurde im Dezember schon ein Mal nach Hause entlassen. Die tägliche Belastung und eine Gegenreaktion des Transplantats auf meinen Magen machten es mir aber unmöglich, mich in irgendeiner Form zu stärken. Seitdem ich wieder auf der Station bin, wird für mich das Beste getan und vor allem, ich fühle mich sicherer, denn hier bekomme ich täglich Bluttransfusionen und Medikamente, die ich brauche. Es ist auch unmöglich, so eine gute Betreuung zu Hause zu bekommen. Seitdem ich wieder hier bin, habe ich auch wieder zugenommen und mache Krankengymnastik.

 

SL: Für die Zukunft ist dir natürlich nichts wichtiger als wieder komplett gesund zu werden. Denkst du, dass du ein Leben lang mit dieser Erfahrung zu kämpfen haben wirst?

 

Sebastian: Ich hoffe, dass ich natürlich bald davon sprechen kann, alles überwunden zu haben. In der Zukunft wird mir diese Erfahrung sicher immer wieder zu denken geben. Ich werde es natürlich nicht vergessen können. Einerseits hoffe ich, dass ich daraus irgendwann einmal Kraft schöpfen kann, aber andererseits muss ich mir auch eingestehen, dass es eine schmerzliche Erfahrung ist, die mich sicher auch herunterzieht. Sie wird aber sicherlich nicht mein zukünftiges Leben bestimmen. Sie ist zwar dann Teil von meinem Leben, aber nicht die Hauptsache.

 

SL: Danke für das Interview. Ich wünsche dir sehr viel Kraft für die nächste Zeit!

 

Sebastian: Danke!