Hans Carossa:

Was einer ist, was einer war,

beim Scheiden wird es offenbar.

Wir hören`s nicht, wenn Gottesweise summt,

wir schaudern erst, wenn sie verstummt.

 

Zum Tode unseres Sohnes: Sebastian Tschacher

 

Sebastian wurde am 1.11.1975 in Nürnberg geboren. Ein Wunschkind, dass uns im Laufe seines Lebens immer ein liebes Wunschkind blieb. Wir haben aus unserer Sicht alles getan, um ihm eine glückliche, unbeschwerte Kindheit zu geben. Seine Eltern waren immer für ihn da, es wurde auf Regelmäßigkeiten Wert gelegt, eine eingeschworene Dreisamkeit entwickelte sich. Vielleicht haben wir als Eltern oft zu großzügig gehandelt, fast jeden erfüllbaren Wunsch alsbald in die Tat umgesetzt. Wir haben Sebastian verwöhnt und ihm vieles abgenommen, eine Konsequenz der eigenen Erfahrung als Kind. Eltern machen Fehler, hoffentlich sind unsere gering geblieben.

Wie beschreibt man ein Kind, um nicht in Subjektivität zu verfallen? Ich habe Zeugnisse geblättert und möchte einige Charaktereigenschaften aufführen: Pflichtbewusstsein und Arbeitseifer, Zuverlässigkeit und Ehrgeiz, Geradlinigkeit und Freundlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, aber auch : unbändige Lebensfreude, Freundschaft, Kameradschaft und Liebe. Schon im Kindergarten Kirchenweg zeigte er, dass er immer ein offenes Ohr für andere hatte. Galt es etwas mitzubringen, war er der erste der hier schrie, bis hin zum Melanchthon-Gwerch, ein Fest des Melanchthon-Gymnasiums, dass er nach der Volksschule Heroldsberg besuchte. An solchen Tagen, wenn jemand etwas brauchte, war der Haushalt leer und Sebastian schleppte an. "Oma sollte vom Flughafen abgeholt werden. Ein triefnasses Kind steht vor der Tür, in der Hand ein Marmeladenglas mit Lurchen. Das braucht Frau Robra. Nichts davon, dass er in den Weiher gefallen war." Schon von klein auf an war er bei Schülerfreizeiten dabei und kannte es nicht anders. Wo Vater war, war der Sohn nicht weit. Eine überaus innige Beziehung. Das Klavierspielen ab der ersten Klasse erweiterte den musischen Horizont. Konfirmation feierten wir im Jahre 1990. Fußball und Judo waren so nicht das Wahre für Sebastian. Tennis sollte es dann sein.

Unter der Leitung von Herrn Verny schaffte er es sogar einmal Herrenmeister beim TCH zu werden. Beim Club Aldiana spielte er um die Aldiana- Meisterschaft. Wurde verreist, war Basti immer dabei. Gab es Krisen gesundheitlicher Art , war der nicht betroffende Elternteil für das Kind da. Abitur galt es zu bestehen im Jahre 1995. Eifrig wurden auf der Terrasse physikalische Gegebenheiten nachgebaut und gerechnet.....

Nach dem Abitur begann Sebastian immer mehr seinen Weg zu gehen: Lehre als Bankkaufmann bei der Deutschen Bank. Dann endlose Diskussionen mit der Mutter, die ihn dort nach der Lehre auch wissen wollte und Angst um sein Leben hatte, als er bekannt gab, Offizier werden zu wollen - Fallschirmjäger. Sein Argument war immer dasselbe: Mama, wenn Du Hilfe brauchen würdest, würdest Du Dich auch freuen , wenn Dir jemand helfen würde. Während der Bundeswehrzeit gab es lange Gespräche immer beginnend mit der liebevollen Form: Hallo Mama! Hallo Söhnchen! Viel Spaß gab es für Basti als er mit vielen Bundeswehrfreunden 1998 bei uns ein Bergkirchweihwochenende verbrachte. Straßenfest 1998 - Wir sehen ein lachendes Kind, fahren in den Urlaub, das Kind bezieht eine eigene Wohnung, wir kommen einen Tag eher als geplant zurück und es kommt d e r A n r u f: 2. September 1998 - Mama, Papa, mit meinem Blut stimmt etwas nicht. - 2 Stunden später: - Mama, Papa, ich habe Leukämie. - Nach einem Aufenthalt in Koblenz wird er ans Klinikum Nord überwiesen. Gott sei Dank behielt er seine Lebensfreude, engagierte sich weiter in der Katholischen Jugendarbeit, arbeitete bei der Disco mit, begleitete Sternsinger, und wurde sogar zum Zeltlagerkoch im Jahr 2000. Seine Tennisfreunde hatten ihn nicht vergessen und so spielte er im Sommer 2000 sogar wieder Mannschaft. Beruflich hatte Sebastian mit dem Studium der Betriebswirtschaft begonnen. Japanisch als Fach belegt, nachdem er nach Ausbruch seiner Krankheit sich intensiv mit der fernöstlichen Lebenseinstellung auseinandersetzte. Wieder und wieder arbeitete er nebenbei, um zu zeigen, dass er sich nicht von der Krankheit unterkriegen lassen wollte. Wurde jemand traurig, versuchte er ihn zum Lachen zu bringen. Wie sah seine Angst in seinem Herzen aus?

Am 24. 9.2000 zog er dann ins Krankenhaus, um am 2.10. eine Knochenmarktransplantation zu erhalten. Vom 2.12.-24.12.2000 war Sebastian dann noch einmal bei uns in Heroldsberg. Von Anfang an konnte er nicht essen. Dann stellte sich immer eine Unpässlichkeit nach der anderen ein. Magen, Darm, Lungenentzündung auf Pilzbasis.

14.2.2001

Sebastian benötigt Sauerstoff.

15.2.2001 Darmspiegelung - Knochenstanze - Röntgen   

Am Abend: Die Frage nach der letzten Rettungsmöglichkeit? Die Eltern werden gefragt, ob sie einen Teil ihrer weißen Blutkörperchen spenden würden? Wer würde das als Eltern nicht?

Erste Vorbehandlung 23.00Uhr

16.2.2001 Ein Begleitstoff  wird aus Augsburg geholt. Sehr nettes Personal begleitet die Mutter, die als Spenderin fungiert während der Blutwäsche.

17.2.2001/18.2.2001 Eine Sonderschicht wird für die Blutwäsche eingeschoben. DANKE!

19.2.2001 Vierter Blutspendentermin - Sebastian geht es nicht gut -

Abends wird ihm sein Ende aufgezeigt

- 4 Menschen passen auf ihn auf.

- Strahlend verkündet er gegen 3Uhr: Heute bekommt mich der Sensenmann noch nicht, mit Mutter wird gewitzelt.

20.2.2001 Gegen 10 Uhr zeigt man ihm noch einmal sein Sterben auf: Die angstvollen Augen werde ich nie vergessen. Ich drücke ihn. " Kindchen, Du kannst mich doch nicht verlassen." " Mama, ich will doch nicht. Ich muss!" Ein Vorhang fällt. Dem Kind geht es immer schlechter, doch da ich beim Vater, der kurz nach Hause gefahren war, Dinge für die Nacht bestelle und ihm sage, er soll doch wohl nicht glauben, ein "Angsthase" spendet  sein Blut und er könne jetzt sterben, wird er etwas ruhiger in seinen Träumen. Überwältigt erlebt er halbträumend, meine Hand haltend, kurz vor 17Uhr in Bayern 3 - gewünscht von seinen Stammtischfreunden, die vor der Tür sitzen, Basti aber vor Schwäche nicht mehr empfangen kann, sein Lieblingslied: Eye of the Tiger aus Rocky III. Vater kommt und Basti wünscht, dass ich einen Stadtbummel machen solle, um mich für die Nacht zu stärken.

Stadtbummel? Ich fahre mit dem Taxi in die Stadt und zurück. Vor dem Haus schellt das Handy. 18.40Uhr: Das Kind kann nicht mehr schnaufen, braucht mehr Sauerstoff.

"Mama, Dein Krieger ist müde geworden. Ich kann nicht mehr, ich muss jetzt in den Keller". Wir begleiten unseren Sohn in "den Keller". (Intensivstation)

Ich komme mir vor, wie vor einer Geisterbahntür. Wir dürfen nicht mit `rein. Die Ärztin von Montagabend geht mit.

18.45Uhr Ich umarme mein Kind, sage aufmunternde Worte und Mach`s gut. Die Fahrt in den Tod beginnt.

20.15Uhr Wir verabschieden uns von unserem künstlich beatmeten Kind.

Im ersten Stock sitzen Freunde. Das Zimmer wird ausgeräumt.

21.2.2001 Gegen 1Uhr kommt der Anruf, dass es Sebastian laut Maschinen schlechter geht.

1.30Uhr Mama und Papa halten je eine Hand und streicheln das Kind. Der Blutdruck fällt. 1.48Uhr Alarm! Stecker werden gezogen. Karel weicht zurück, ich klettere über seinen Hocker und die Bettabsperrung, nehme den Kopf meines Kindes in den Arm  und küsse mein Kind bis zum Ende des berühmten Tones. Ich streichle ihn, sage Lebe wohl und komme noch einmal in das Zimmer zurück, um ihm einen Abschiedskuss zu geben.

Das war das Leben unseres geliebten Kindes!

Gesehen aus der Sicht einer Mutter.

DANKE allen, die sich rührend um Sebastian gekümmert, ihn  versorgt und umsorgt haben.

 

 

 

 

 

Für mich und alle:

Lasst uns immer überlegen und durchdenken, welche Kraft in einem Wort steckt. So sollte man sich z.B. immer überlegen, dass dadurch, dass man irgendetwas grundsätzlich immer tut, aus einer Taktlosigkeit keine Tugend wird.